Fledermäuse

Mit Einleitung: Carola stellst Du etwas zusammen. Aktuell gibt es Beispiele, ich habe eine Aufzählung ergänzt

Quelle: Von PD-USGov, exact author unknown - https://www.nps.gov/chis/learn/nature/townsends-bats.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=192812
Fledermäuse (Microchiroptera, taxonomisch heute meist in die Unterordnungen Yinpterochiroptera und Yangochiroptera gegliedert) bilden zusammen mit den Flughunden die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera). Sie sind die einzigen Säugetiere weltweit, die zur aktiven, dauerhaften Fortbewegung im freien Flug fähig sind. Weltweit sind mehr als 1.400 Arten beschrieben, womit sie nach den Nagetieren die zweitartenreichste Säugetierordnung darstellen.

Anatomie und Flugmechanik

Der Flugapparat der Fledermaus unterscheidet sich anatomisch grundlegend von dem der Vögel:

  • Flughaut (Patagium): Eine elastische, zweilagige Hautmembran erstreckt sich zwischen den extrem verlängerten Fingern II bis V der Hand, den Körperseiten, den Hinterbeinen sowie bei vielen Arten als Schwanzflughaut (Uropatagium).
  • Daumen: Der erste Finger ist kurz, freistehend und mit einer Kralle ausgestattet; er dient dem Klettern und Festhalten an Quartierwänden.
  • Skelett: Der Knochenbau ist gewichtsreduziert, jedoch biegsam genug, um aerodynamische Verformungen im Flug gezielt über Muskelfasern in der Flughaut zu steuern.
Quelle / Referenz: Dietz, C., & Kiefer, A. (2020). Die Fledermäuse Europas: Kennen, bestimmen, schützen. Kosmos Verlag; Simmons, N. B., et al. (2008). Primitive Early Eocene bat from Wyoming and the evolution of flight. Nature, 451(7180), 818–821.

Orientierung: Die Echoortung

Die überwiegende Mehrheit der Fledermäuse orientiert sich in völliger Dunkelheit mittels Biosonar (Echoortung):

  • Lauterzeugung: Fledermäuse stoßen im Kehlkopf hochfrequente Ultraschallrufe aus (je nach Art meist zwischen 15 kHz und über 150 kHz), die über den geöffneten Mund oder spezialisierte Nasenaufsätze (wie das Nasenblatt der Hufeisennasen) emittiert werden.
  • Signalverarbeitung: Das reflektierte Echo trifft auf die oft verhältnismäßig großen, beweglichen Ohrmuscheln. Aus der zeitlichen Differenz, Frequenzverschiebung (Doppler-Effekt) und Lautstärke berechnet das Gehirn ein räumliches Abbild der Umgebung sowie die Bewegungsrichtung und Oberflächenbeschaffenheit von Beutetieren.
Quelle / Referenz: Schnitzler, H. U., & Kalko, E. K. (2001). Echolocation by insect-eating bats. BioScience, 51(7), 557–569; Neuweiler, G. (2000). The Biology of Bats. Oxford University Press.

Ernährung und Jahreszyklus

Die Lebensweise der Fledermäuse ist stark an saisonale Klimaschwankungen und Ressourcenverfügbarkeit angepasst:

  • Nahrungsspektrum:

    • Gemäßigte Breiten (u. a. Mitteleuropa): Alle heimischen Arten ernähren sich rein insektivor (Nachtfalter, Mücken, Käfer, Spinnen).
    • Tropen und Subtropen: Hier existieren zudem frugivore (früchtefressende), nektarivore (blütenbesuchende), karnivore (z. B. Frösche oder Fische erbeutende) sowie drei hämatophage Arten (Vampirfledermäuse in Mittel- und Südamerika).
  • Jahreszyklus & Winterschlaf:

    • In den Wintermonaten sinkt das Insektenangebot drastisch. Europäische Arten verfallen in frostfreien Höhlen, Stollen, Kellern oder Baumhöhlen in einen echten Winterschlaf (Torpor), bei dem Körpertemperatur (oft nahe der Umgebungstemperatur, 2–8 °C) und Herzfrequenz drastisch gesenkt werden.
    • Im Frühsommer bilden die Weibchen sogenannte Wochenstubenkolonien, in denen meist nur ein einzelnes Jungtier pro Jahr geboren und gesäugt wird.
Quelle / Referenz: Altringham, J. D. (2011). Bats: From Evolution to Conservation. Oxford University Press; Boyles, J. G., et al. (2011). Economic importance of bats in agriculture. Science, 332(6025), 41–42.

Ökologische Bedeutung und Artenschutz

Fledermäuse erfüllen essenzielle Funktionen in globalen Ökosystemen:

  • Biologische Schädlingsregulation: Als Hauptvertilger nachtaktiver Insekten reduzieren sie forst- und landwirtschaftliche Schädlinge signifikant.
  • Bestäubung und Samenverbreitung: In tropischen Regionen sind zahlreiche Baum- und Nutzpflanzenarten (z. B. Agaven, Baobabs) auf die Bestäubung durch Fledertiere angewiesen (Chiropterophilie).
Gefährdungsursachen und rechtlicher Status:
In Europa sind alle Fledermausarten streng geschützt (u. a. durch Anhang IV der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 92/43/EWG sowie in Deutschland über § 44 Bundesnaturschutzgesetz). Hauptgefährdungen sind:

  • Quartierverlust durch Gebäudesanierungen, Höhlenverschlüsse und das Fällen alter Höhlenbäume.
  • Rückgang der Nahrungsgrundlage durch intensiven Pestizideinsatz in Landwirtschaft und Forsten.
  • Lichtverschmutzung, die Jagdhabitate fragmentiert und Ausflugrouten stört.
Quelle / Referenz: Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen (FFH-Richtlinie); Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2020). Rote Liste der gefährdeten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands: Säugetiere.
Quelle: Von Jan Ebr - https://www.inaturalist.org/photos/252677624, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128005874
Die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) ist eine mittelgroße, hochspezialisierte Fledermausart aus der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae). Ihr deutscher Trivialname geht auf die gedrungene, an eine Mops-Schnauze erinnernde Kopfform zurück. Sie gilt als waldgebundene Charakterart naturnaher Laub- und Mischwälder mit hohem Altholzanteil.

 

Anatomie und Erkennungsmerkmale

Die Art besitzt eindeutige morphologische Merkmale, die sie von fast allen anderen europäischen Fledermausarten unterscheidet:

  • Ohren: Die breiten, viereckigen Ohrmuscheln sind an der Basis über der Stirn mittig zusammengewachsen. Die Ohröffnung ist nach vorne gerichtet; der Tragus (Ohrdeckel) ist dreieckig und auffallend breit.
  • Fellfärbung: Das dichte Fell ist auf der Oberseite schwärzlich-braun bis tiefschwarz mit feinen, weißlich-silbernen Haarspitzen („bereiftes“ Aussehen). Die Unterseite ist dunkelgrau.
  • Körpermaße:

    • Kopf-Rumpf-Länge: 45 bis 58 mm
    • Spannweite: 260 bis 290 mm
    • Gewicht: 6 bis 13,5 g
Quelle / Referenz: Dietz, C., & Kiefer, A. (2020). Die Fledermäuse Europas: Kennen, bestimmen, schützen. Kosmos Verlag, S. 336–341; Schober, W., & Grimmberger, E. (1998). Die Fledermäuse Europas. Kosmos Naturführer.

Akustische Tarnkappe: Die Echoortung

Die Mopsfledermaus nutzt eine evolutionäre Strategie, die als „akustische Tarnung“ (stealth echolocation) bezeichnet wird:

  • Frequenz und Ruftypen: Sie sendet zwei alternierende Ruftypen aus. Typ 1 liegt meist im Bereich von 32 bis 38 kHz (über das Maul ausgestoßen); Typ 2 liegt zwischen 40 und 44 kHz (wird primär über die Nase emittiert).
  • Flüsterortung: Ihre Rufe sind mit einem Schalldruckpegel von oft unter 80 dB (gemessen in 10 cm Abstand) um etwa 10- bis 100-mal leiser als die anderer jagender Glattnasen.
  • Funktion: Viele Nachtfalter besitzen Hörorgane (Tympanalorgane), um heranfliegende Fledermäuse frühzeitig wahrzunehmen und Ausweichmanöver einzuleiten. Durch die extrem leisen Rufe nimmt die Beute die Mopsfledermaus erst wahr, wenn der Abstand für eine Flucht bereits zu gering ist.
Quelle / Referenz: Goerlitz, H. R., ter Hofstede, H. M., Zeale, M. R., Jones, G., & Holderied, M. W. (2010). An aerial-hawking bat uses stealth echolocation to counter moth hearing. Current Biology, 20(17), 1568–1572.

Habitat, Quartierwahl und Ernährung

Als typische Waldfledermaus stellt Barbastella barbastellus enge Ansprüche an ihren Lebensraum:

  • Sommerquartiere & Wochenstuben: Die Art bevorzugt Spaltenquartiere, insbesondere abstehende Rinde von abgestorbenen oder absterbenden Bäumen (Totholz), Stammrisse sowie gelegentlich enge Holzverkleidungen an Gebäuden im Waldnähe. Wochenstuben umfassen meist 10 bis 30 (selten bis 100) Weibchen, die häufig alle paar Tage das Spaltenquartier wechseln.
  • Winterquartiere: Die Überwinterung erfolgt von November bis März in unterirdischen Hohlräumen wie Stollen, Höhlen, Felsspalten oder alten Kellern. Sie zeichnet sich durch eine hohe Kältetoleranz aus und überwintert oft in kühleren, zugluftgefährdeten Eingangsbereichen bei 0 bis 5 °C.
  • Ernährungsspezialisierung: Bis zu 90 % der Nahrung besteht aus nachtaktiven Schmetterlingen (v. a. Noctuidae und Geometridae), ergänzt durch kleine Zweiflügler und Köcherfliegen.
Quelle / Referenz: Sierro, A., & Arlettaz, R. (1997). Barbastelle bats (Barbastella spp.) specialize on moths: a radio-tracking and foraging analysis. Journal of Mammalogy, 78(4), 1013–1024; Russo, D., Cistrone, L., Jones, G., & Mazzoleni, S. (2004). Roost selection by barbastelle bats (Barbastella barbastellus) in beech woodlands of central Italy: consequences for conservation. Biological Conservation, 117(1), 73–81.

Gefährdung und Schutzstatus

Aufgrund ihres Bindeglieds zu strukturreichen Alt- und Totholzwäldern ist die Mopsfledermaus europaweit stark gefährdet:

  • Rechtlicher Schutz:

    • EU-Ebene: Aufgeführt in Anhang II und Anhang IV der FFH-Richtlinie (92/43/EWG). Anhang II verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten zur Ausweisung spezieller Schutzgebiete (Natura-2000-Gebiete) eigens für diese Art.
    • Deutschland: Nach § 44 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) streng geschützt. In der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands wird sie in der Kategorie 2 („Stark gefährdet“) geführt.
  • Gefährdungsfaktoren:

    • Intensive Forstwirtschaft mit kurzer Umtriebszeit, die das Entstehen alter, absterbender Bäume mit Rindenspalten verhindert.
    • Zerschneidung geschlossener Waldkorridore und Beseitigung linearer Landschaftsstrukturen (Hecken, Waldränder), die als Flugrouten zwischen Quartier und Jagdhabitat dienen.
    • Verlust strukturreicher Laubmischwaldbestände durch Monokulturen.
Quelle / Referenz: Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2020). Rote Liste und Gesamtartenliste der Säugetiere (Mammalia) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (2); Council Directive 92/43/EEC on the conservation of natural habitats and of wild fauna and flora (FFH-Richtlinie).
 
Quelle: Von Parc naturel régional des Vosges du Nord - Photo taken on [http://www.parc-vosges-nord.fr/html/telechargement/photos.htm http://www.parc-vosges-nord.fr/html/telechargement/photos.htm], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=246318
Die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii, benannt nach dem deutschen Naturforscher Johann Matthäus Bechstein) ist eine mittelgroße Fledermausart aus der Gattung der Mausohren (Myotis) innerhalb der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae). Sie gilt als Urwaldrelikt und Zeigerart für alte, strukturreiche Laubmischwälder – insbesondere mit hohem Eichen- und Buchenanteil.

Anatomie und Erkennungsmerkmale

Die Bechsteinfledermaus ist innerhalb der Gattung Myotis morphologisch sehr markant und unverwechselbar:

  • Ohren: Auffallend lang (23 bis 26 mm) und breit; sie überragen die Schnauzenspitze nach vorne gelegt um etwa die Hälfte ihrer Länge. Die Ohrmuscheln sind an der Basis nicht miteinander verwachsen. Der lanzettförmige Tragus (Ohrdeckel) erreicht etwa die halbe Ohrlänge.
  • Fellfärbung: Die Oberseite ist rotbraun bis hellbraun gefärbt, die Unterseite setzt sich deutlich hellgrau bis gelblich-weiß ab. Die Schnauze ist rötlich-fleischfarben, die Ohren und Flughäute sind hellgrau-braun.
  • Körpermaße:

    • Kopf-Rumpf-Länge: 43 bis 55 mm
    • Unterarmlänge: 39 bis 47 mm
    • Spannweite: 250 bis 286 mm
    • Gewicht: 7 bis 14 g
Quelle / Referenz: Dietz, C., & Kiefer, A. (2020). Die Fledermäuse Europas: Kennen, bestimmen, schützen. Kosmos Verlag, S. 248–253; Schober, W., & Grimmberger, E. (1998). Die Fledermäuse Europas. Kosmos Naturführer.

Echoortung und Jagdstrategie: Das Foliage-Gleaning

Die Art besitzt Anpassungen für die Jagd im dichten Kronenraum und Geäst:

  • Rufeigenschaften: Die Ortungsrufe sind breitbandig frequenzmoduliert (FM) und fallen steil von etwa 100–140 kHz auf 30–35 kHz ab. Die Pulsdauer ist mit 1 bis 3 Millisekunden extrem kurz.
  • Flüsterortung & Passive Ortung: Die Rufe sind relativ leise, um störende Echos aus der unmittelbaren Vegetation gering zu halten. Neben der aktiven Echoortung nutzt die Bechsteinfledermaus ihr feines Gehör, um Krabbel- und Raschelgeräusche von Beutetieren auf Blättern oder der Rinde passiv wahrzunehmen.
  • Substratabsuchen (Gleaning): Sie fängt Insekten nicht primär im freien Luftraum, sondern liest flugunfähige oder ruhende Gliederfüßer direkt von der Vegetation, von Stämmen oder vom Waldboden ab.
Quelle / Referenz: Kerth, G., Weissmann, K., & König, B. (2001). Day roost selection in female Bechstein’s bats (Myotis bechsteinii): a field experiment to determine the influence of roost size. Journal of Zoology, 253(4), 543–550; Siemers, B. M., & Swift, S. M. (2006). Differences in sensory ecology contribute to resource partitioning in the bats Myotis bechsteinii and Myotis nattereri. Behavioral Ecology and Sociobiology, 59(3), 373–380.

Habitat, Sozialsystem und Ernährung

Die Bechsteinfledermaus besitzt eine sehr enge Bindung an alte Waldlebensräume und ein komplexes Sozialgefüge:

  • Sommerquartiere: Fast ausschließlich Baumhöhlen (überwiegend verlassene Spechthöhlen oder Fäulnishöhlen in alten Eichen und Buchen). Die Weibchen wechseln alle 2 bis 3 Tage die Höhle, vermutlich um Parasitendruck zu senken und Fressfeinden auszuweichen.
  • Fission-Fusion-Kolonien: Wochenstubenkolonien (15 bis 45 Weibchen) leben in dynamischen Gruppenverbänden (Fission-Fusion-Gemeinschaften), die sich regelmäßig auf mehrere Höhlen aufteilen und wieder zusammenfinden. Die Weibchen zeigen eine extreme Ortstreue (Philopatrie) zu ihrem angestammten Waldgebiet über viele Generationen hinweg.
  • Winterquartiere: Überwintert einzeln oder in kleinen Gruppen von Oktober bis März/April in unterirdischen Hohlräumen wie Höhlen, Stollen oder tiefen Felsspalten, aber auch in frostfreien, tiefen Baumhöhlen.
  • Nahrungsspektrum: Neben fliegenden Insekten (Nachtfalter, Zweiflügler) bilden nicht fliegende Gliederfüßer (Spinnen, Weberknechte, Raupen, Laufkäfer) einen wesentlichen Teil der Nahrung.
Quelle / Referenz: Kerth, G., & Reckardt, K. (2003). Information transfer about roosts in female Bechstein’s bats: an experimental field study. Proceedings of the Royal Society of London. Series B: Biological Sciences, 270(1514), 511–515; Wolz, I. (1993). Bechsteinfledermaus Myotis bechsteinii (Kuhl, 1818). In: Schober, W., & Grimmberger, E., Die Fledermäuse Europas.

Gefährdung und Schutzstatus

Wegen ihrer engen Spezialisierung auf unzerschnittene Altholzbestände mit hohem Höhlenangebot ist die Art europaweit empfindlich gegenüber forstwirtschaftlichen Eingriffen:

  • Rechtlicher Schutz:

    • EU-Ebene: Aufgeführt in Anhang II und Anhang IV der FFH-Richtlinie (92/43/EWG). Wie bei der Mopsfledermaus verpflichtet Anhang II zur Einrichtung spezieller Natura-2000-Schutzgebiete.
    • Deutschland: Streng geschützt gemäß § 44 BNatSchG; bundesweit in der Roten Liste gefährdeter Säugetiere in der Kategorie 2 („Stark gefährdet“) geführt.
  • Gefährdungsursachen:

    • Einschlag alter Laubholzbestände (Umtriebszeiten unter 120–140 Jahren verhindern die Bildung ausreichender Specht- und Fäulnishöhlen).
    • Fragmentierung geschlossener Waldgebiete durch Straßenbau oder breite Schneisen, da offene Flächen weitgehend gemieden werden.
    • Entnahme von Biotopbäumen und Totholz im Wirtschaftswald.
Quelle / Referenz: Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2020). Rote Liste und Gesamtartenliste der Säugetiere (Mammalia) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (2); Richtlinie 92/43/EWG des Rates (FFH-Richtlinie).
 
Quelle: Von MissMhisi - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61715814
Das Große Mausohr (Myotis myotis) ist die größte in Mitteleuropa heimische Fledermausart aus der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae). Als ausgesprochene Kulturfolgerin in Bezug auf ihre Fortpflanzungsquartiere und gleichzeitig anspruchsvolle Waldbodenjägerin nimmt sie eine zentrale Schlüsselrolle im europäischen Fledermausschutz ein.

Anatomie und Erkennungsmerkmale

Das Große Mausohr ist durch seine imposante Körpergröße und charakteristische Proportionen gut von den meisten heimischen Arten abgrenzbar:

  • Ohren: Auffallend groß und breit mit 7 bis 8 Querfalten am Außenrand. Der spitze, lanzettliche Tragus (Ohrdeckel) erreicht knapp die halbe Ohrlänge.
  • Fellfärbung: Die Oberseite ist kurz, dicht und graubraun bis bräunlich gefärbt. Die Unterseite setzt sich weißlich bis grauweiß scharf ab. Jungtiere sind insgesamt dunkler und aschgrau gefärbt.
  • Körpermaße:

    • Kopf-Rumpf-Länge: 67 bis 84 mm
    • Unterarmlänge: 57 bis 68 mm
    • Spannweite: 350 bis 430 mm
    • Gewicht: 20 bis 40 g (vor dem Winterschlaf bis zu 45 g)
Quelle / Referenz: Dietz, C., & Kiefer, A. (2020). Die Fledermäuse Europas: Kennen, bestimmen, schützen. Kosmos Verlag, S. 222–229; Braun, M., & Dieterlen, F. (2003). Die Säugetiere Baden-Württembergs (Band 1: Fledermäuse). Eugen Ulmer Verlag.

Echoortung und Jagdtechnik: Die Bodenjagd

Obwohl das Große Mausohr über eine präzise Ultraschall-Echoortung verfügt, setzt es bei der Jagd maßgeblich auf passive akustische Ortung:

  • Rufeigenschaften: Frequenzmodulierte (FM) Rufe, die steil von etwa 65–70 kHz auf 22–28 kHz abfallen. Die Frequenz mit der höchsten Energie liegt typischerweise um 28 bis 35 kHz. Die Signale sind für freie Lufträume laut und weitreichend.
  • Passive Ortung von Bodengeräuschen: Auf der Suche nach Beute fliegt das Große Mausohr im langsamen, rüttelnden Flug 30 bis 60 Zentimeter über dem Waldboden. Um Beute im laubbedeckten Boden zu lokalisieren, schaltet es die Echoortung oft auf minimale Intervalle und lauscht passiv auf das Rascheln und Krabbeln von Gliederfüßern.
  • Erbeutung (Ground-Gleaning): Sobald ein Beutetier geortet ist, landet die Fledermaus blitzschnell auf dem Boden, umschließt das Insekt mit ihren Flügeln und der Schwanzflughaut und transportiert größere Beute zu einem Fressplatz oder verzehrt sie direkt am Boden.
Quelle / Referenz: Arlettaz, R., Jones, G., & Racey, P. A. (2001). Effect of acoustic clutter on prey detection by bats. Nature, 414(6865), 742–744; Russo, D., Jones, G., & Arlettaz, R. (2007). Sensory and cognitive ecology of bats: from field observations to neuroethology. Journal of Mammalogy, 88(4), 856–868.

Habitat, Fortpflanzung und Jahreszyklus

Das Große Mausohr verbindet anthropogene Strukturen mit naturnahen Jagdhabitaten:

  • Sommerquartiere & Wochenstuben: Die Weibchen bilden von Mai bis August große Wochenstubenkolonien, die fast ausschließlich in großen, ungestörten und warmen Dachräumen (z. B. Kirchendachstühlen, Schlössern, alten Scheunen) liegen. Koloniegrößen reichen von einigen Dutzend bis zu mehreren tausend Tieren.
  • Jagdhabitate: Bevorzugt werden strukturreiche, hallenartige Laubwälder (Buchenhallenwälder) mit spärlicher oder fehlender Krautschicht, frisch gemähte Wiesen sowie abgeerntete Äcker, auf denen der Boden für den Bodenflug frei zugänglich ist. Jagdgebiete können bis zu 10 bis 15 Kilometer vom Quartier entfernt liegen.
  • Nahrungsspektrum: Spezialisiert auf große Laufkäfer (Carabidae wie Carabus violaceus oder Carabus coriaceus), Mai- und Junikäfer, Heuschrecken, Spinnen sowie Maulwurfsgrillen.
  • Winterquartiere: Von Oktober bis März/April erfolgt die Überwinterung in unterirdischen Hohlräumen wie Höhlen, verlassenen Bergwerksstollen und großen historischen Gewölbekellern bei relativ stabilen Temperaturen von 4 bis 9 °C und hoher Luftfeuchtigkeit.
Quelle / Referenz: Güttinger, R. (1997). Raumnutzung des Grossen Mausohrs (Myotis myotis) im Thurgau. BUWAL-Schriftenreihe Umwelt Nr. 286; Zahn, A. (1999). The roosting biology of the large mouse-eared bat (Myotis myotis). Journal of Zoology, 249(3), 253–262.

Gefährdung und Schutzstatus

Als Art, die in Kolonien mit hoher Individuendichte an wenigen Sommer- und Winterstandorten konzentriert ist, reagiert das Große Mausohr empfindlich auf punktuelle Eingriffe:

  • Rechtlicher Schutz:

    • EU-Ebene: Aufgeführt in Anhang II und Anhang IV der FFH-Richtlinie (92/43/EWG). Die Quartier- und Überwinterungsstätten erfordern die Ausweisung als Natura-2000-Schutzgebiete.
    • Deutschland: Nach § 44 BNatSchG streng geschützt. In der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands aktuell in der Vorwarnliste („V“) geführt, nachdem Bestände sich durch gezielte Schutzmaßnahmen an Gebäuden regional stabilisieren konnten.
  • Gefährdungsfaktoren:

    • Dachsanierungen ohne Beachtung von Fledermausvorkommen (Verlust von Einflugöffnungen, giftige Holzschutzmittel).
    • Lichtverschmutzung (Beleuchtung von Kirchenfassaden und Kirchtürmen, die den abendlichen Ausflug verzögert oder verhindert).
    • Verarmung der Bodenfauna (Rückgang großer Laufkäfer) durch Insektizideinsatz und dichte Verbuschung des Waldbodens durch Nährstoffeinträge.
Quelle / Referenz: Richtlinie 92/43/EWG des Rates (FFH-Richtlinie); Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2020). Rote Liste und Gesamtartenliste der Säugetiere (Mammalia) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (2).